Ein anderer Weg

arne am 14. Januar 2011 um 02:14

Da liegt er also wieder vor mir, der neue Roman, der mir schon so alt vorkommt (obwohl er noch gar nicht fertig ist), weil ich schon vor ungefär sieben Jahren den ersten Teil geschrieben habe. Die Idee wurde durch einen Gedanken ausgelöst, der mir in der Fußgängerzone kam: Wenn es viel weniger Menschen auf der Welt gäbe, würden wir uns wohl jedes Mal begrüßen und nicht einfach aneinander vorbeilaufen. Wenn es nur einige tausend Menschen auf der Welt gäbe, wäre auch ein zufälliges Treffen etwas ganz besonderes, aufgeregt würden wir uns begutachten und ein Gespräch anfangen. Jeder Mensch, den wir träfen, hätte eine nachhaltige Auswirkung auf unser Leben.
Diesen Gedanken führte ich als ein bisschen spazieren. Er wuchs, veränderte sich: Kommt es nicht vielleicht auch so vor, dass wir unsere Leben gegenseitig beeinflussen und dass wir es nur oft nicht mitbekommen? Eben, weil wir aneinander vorbeigehen, ist uns unser Einfluss vielleicht nur nicht bewusst?
Was wäre nun, wenn ich einen Roman schriebe, in dem genau das an die Oberfläche gerät? In dem der Leser nicht, wie üblich, eine Person folgt, sondern einer Art Kausalkette, einem Fluss dessen, was geschieht, gleich einem Flug durch die Zeit. Ich könnte den vielgeliebten allwissenden Erzähler auf eine neue Ebene führen, ihn tatsächlich allwissend machen.
Einige Tage später wachte ich früh am Morgen auf, und der Anfang des Romans war vor mir, in Worten und Bildern. Ich setzte mich an den Schreibtisch und tippte ihn eine halbe Stunde lang in den Computer.
Und dann ging es immer wieder weiter. Eins ergab das andere, was zum Nächsten führte. Erst nach rund 70 Seiten wurde mir bewusst, dass ich Grenzen brauche, dass es einen roten Faden geben muss, auch, wenn es ein anderer sein wird, als den, den wir aus üblichen Geschichten kennen…

Unsere Gier und das Tier

arne am 10. Januar 2011 um 01:47

Bei Anne Will ging es heute um den Respekt vor dem Tier. (Info zur Sendung) Die Runde diskutierte sich immer wieder in eine Richtung: Die Vertreter der Massentierhaltung wurden angeklagt und verteidigten sich.
Ich frage mich nun: Wollen die wirklich Tiere quälen? Halten sie das für den richtigen Weg? Und ich finde nur eine Antwort: Nein! Natürlich wollen die das nicht. Sie wollen nur eins. Geschäfte machen. Sie wollen etwas tun, womit sie möglichst viel Geld verdienen, wie wir alle. Und wie wir alle sind sie bereit, sich für diesen Zweck einiges schön zu reden. So schlecht geht es den Tieren ja gar. Wir tun ja schon so viel, wie uns möglich ist.
Unterm Strich bleibt immer wieder stehen: Solange etwas Geld bringt, wird es jemanden geben, der es tut. Das ist Gier, und die Gier bestimmt unser Leben. Das wird sich nicht ändern. Es wurden schon Menschen gequält und verkauft. Wenn man also in die Geschichte blickt, stellt man fest, das sich mit uns auch unsere Moral weiterentwickelt hat. Und sie wird es weiter tun. Mehr und mehr Menschen werden die Tierquälerei nicht akzeptieren. Sie werden wissen wollen, wie das Tier, das sie essen, gelebt hat und gestorben ist, und sie werden bei dem kaufen, der ihnen das zeigen kann, mit reinem Gewissen. Und wenn es genug sind, werden auch die Massentierhalter die Umstände auf ihren Höfen ändern, weil sie auch weiterhin ein Geschäft machen wollen. Und wenn es soweit ist, werden auch sie erleichtert aufatmen und ruhiger schlafen. Schade nur, dass es so lange dauern wird. Und woran liegt das? An unserer Gier.

Ein neuer Film in 2011

arne am 6. Januar 2011 um 00:43

Mit dieser alten Scheibe in den Ohren (The Cure – faith …und ja, schwarz ist die Scheibe, mit zwei Rillen), dem passenden Getränk und der unerlässlichen Rauchware komme ich mir ein bisschen vor, wie Christian Slater in “Hart auf Sendung”. Mann, wie habe ich als Teenager diesen Film geliebt. Allein dazustehen und doch vor der Welt eine Stimme zu haben, sie einsetzen zu können. Der Gedanke konnte mich berauschen und er wurde zu meiner Triebfeder. Ich sah mich auf ein Leben zusteuern, dass ich nun nicht führe. Aber das ist gut so, nicht besser, weil ich nicht weiß, wie es anders gewesen wäre.
Wir schreiben nun das Jahr 2011, und ich habe ein Alter erreicht, in dem ich mich daran erinnere, Science Fiction Filme gesehen zu haben, durch die so eine Jahreszahl geisterte. Es kommt mir vor, dass aus der Schnelligkeit des Lebens, der Dinge die mit mir passierten, eine Schnelligkeit der Zeit geworden ist, die mich mit jedem neuen Jahr ein weiteres Mal überrundet. Die Versuchung wird immer größer, angesichts dieser Uneinholbarkeit stehen zu bleiben. Mehr und mehr scheint es unmöglich, mithalten zu können. Erinnere ich mich an eine Einzelheit aus dieser Zeit, denke ich, wenn du das doch hättest so bewusst erleben können, wie es dir heute möglich wäre. Es bräuchte eine neue Art von Traum, der dich fühlen lässt, wie du fühltest und was dich trieb. In allem steckt etwas Verborgenes, was ich meine, verpasst zu haben. Und was, wenn es mir immer wieder passiert, wenn es mir auch im letzten oder vorletzten Jahr passiert ist? Was, wenn das immer so weitergehen wird, ohne dass ich es rechtzeitig merke? Ich wäre gern mein eigener Manager, der Herr über mich und was ich tue und lasse. Ich weiß, dass es so sein müsste… aber wenn es so ist, woran könnte mir das bewusst werden? Ist es nur die Welt die sich dreht, ohne mich? Bin ich nur ein Statist in meinem Film, der erst während des Abspanns realisiert, dass die Hauptrolle nie besetzt war, oder dass sie nach der 2ten Szene nicht mehr auftauchte? Und was wird auf mich warten, wann dann das Licht angeht?

Schleife endlos

arne am 26. Dezember 2010 um 02:15

Manchmal kommt es vor, dass wir nur so dastehen, mit nicht mehr, als einem Schulterzucken für die Welt, für alles, was wir so nennen, mit den Händen darauf im Schoß, senken wir den Blick, um nicht gesehen zu werden, von allem, was wir sahen, was uns schreckte. Scham kann uns so verharren lassen, wartend auf ein Zeichen der Entspannung, auf ein “Ja” zu unserem Schweigen. Für die Anderen haben wir nur ein Kopfschütteln, bestenfalls Anerkennung. Auch gesenkt können wir den Kopf noch abwenden und unser Schweigen steigern, allem gegenüber, was nicht müde wird, uns herauszufordern. Rechtfertigung beziehen wir aus der Endlosschleife eines inneren Monologs. Wir waren es nicht, und was wir nicht waren, werden wir nicht sein müssen. Wir müssen uns nur einmal rechtfertigen, für nur eines. Wer immer uns anruft, hört immer nur die selbe Ansage. Was uns umtreibt, lässt uns stehen, wie einen Kreisel, ohne sichtbare Bewegung. Und dennoch bilden wir uns ein, nicht regungslos zu sein, trotz der Angst vor fremder Regung, die uns zu nahe kommt, unser Gleichgewicht zu bedrohen scheint. Die Erde dreht sich schließlich ohne uns, mit uns wird es schon nicht anders sein. Was keinen Unterschied macht, kann gelassen werden, uns gelassen bleiben. Wir haben keinen Anfang, fürchten kein Ende, aus Furcht. Die Freiheit, eine Entscheidung treffen zu können, glauben wir entlarvt zu haben, weshalb wir nur eine trafen, die dagegen, ein für alle Mal. So entschieden wir unser Leben und befinden uns nun darin, ohne Weg daraus.  Wer wir sind? Nun, alle, denen es so geht. Eine kraftlose Hand hält nichts und muss keine Angst haben, loszulassen.

Doch die Welt wird nicht versagen, solange wir in der Minderheit sind.

Das L im Wandel?

arne am 7. Dezember 2010 um 01:11

Im Moment lese ich ein wirklich spannendes Buch. Und dazu ist es so gar nicht fiktional. Ja, das kommt selten vor. Das Buch heißt übrigens “Klartext für Männer” und geschrieben wurde es von Nina Deißler.
Es ist schon eigenartig, dass mit der Kommunikation zwischen Männern und Frauen. Vor langer Zeit war es vielleicht wirklich so, dass der Mann die Frau, die ihm gefiel, kurzerhand mit seiner Keule ausser Gefecht setzte und sie mit in seine Höhle schleppte. Das war sicher einfach, aber wohl keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung, oder?
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass wir uns positiv entwickelt haben. Aber es ist eben alles andere als einfach. Ninas Buch gibt mir jede Menge A-Ha-Erlebnisse. Ich weiß nur nicht, ob mein kleines Hirn sich das alles merken kann und überlege schon, wie ich mir die wichtigsten Stichworte auf die Innenseite der Hand schreiben könnte, um zu spicken, wenn es “ernst” wird.
Im Vergleich zu jetzt scheint mir schon meine eigene Jugend sehr viel einfacher. Heute ist alles manchmal so leer von alldem, wovon ich früher Unmengen hatte, dass ich mir manchmal wünschte, wenigstens einmal wieder unglücklich verliebt zu sein, wenn es nur etwas Liebe zu tun hätte. Ja, wer will schon leiden, nicht wahr? Aber wenn ich es damals nicht mehr aushielt, schrieb ich einen Song, und diese Songs gehören noch heute zu meinen besten.
Warum mir das Buch nun Mut macht? Es zeigt mir meine Probleme auf, die ich selber nicht erkennen konnte, aber vor allem zeigt es mir, dass es so viele gar nicht sind und dass ich sie lösen kann.
Auf einmal denke ich, dass ich im nächsten Jahr lieben werde. Zu lieben ist etwas Schönes, das weiß ich noch. Es bringt Licht in Dich, nicht hell, doch warm, nicht erhellend, doch wärmend. Durch viele Motive können wir Großes schaffen, doch darunter ist das schönste die Liebe, weil ihr einziger Eigennutz darin besteht, nützlich für einen anderen Menschen zu sein, auf eine Weise, die durch nichts zu ersetzen ist, die das einzige ist, worauf es ankommt. Das Gefühl, jemanden im Arm zu halten, der nirgendwo anders sein möchte als dort, der nichts anderes möchte, als Dich und Dich dadurch ebenso hält.

Leben schreiben

arne am 8. Oktober 2010 um 03:18

…sollte längst im Bett liegen…
Bei einem Freund las ich mal ein Zitat von Thomas Mann. Der Wortlaut will mir nicht mehr einfallen, aber der Inhalt blieb im Kopf: Vielleicht ist es besser, zu Leben, als über das Leben zu schreiben.
Zu Schreiben ist wirklich nicht einfach. Das schwierigste daran ist die Geschichte. Der Einstieg, die Idee, kommt einfach so – aber ihr Leben zu geben, Menschen, die sie erleben, sie wirklich werden zu lassen. Das erfordert viel Geduld und noch viel mehr Fleiß. Dennoch kommt es mir viel einfacher vor, als die eigene Geschichte zu Leben, wirklich zu Leben, Entscheidungen zu treffen, Wendungen herbeizuführen, auch auf die Gefahr hin, dass sie nicht eintreten. Was ist, wenn ich mich verliebe, aber nicht geliebt werde? Als Autor kann ich zwei Menschen erfinden, und wenn ich entscheide, dass diese beiden sich verlieben, dann tun sie das auch. Ist das nicht wunderbar einfach? Wäre es nicht irre, wenn das auch in meinem Leben so funktionieren würde? Wenn ich mir ein Leben nach meinen Wünschen “stricken” könnte, ganz in Ruhe am Schreibtisch, und wenn es dann genauso käme? Und liefe etwas aus dem Ruder, würde ich alles stoppen, mich kurz einschließen und alles wieder in meine Bahnen schreiben.
Schlaue Köpfe geben zu bedenken: Arne, Du bist Deines Glückes Schmied, Du bist es, der Dein Leben lenkt. Auch ich höre mich das oft sagen, und auch in diesem Moment denke ich, ja, so ist es. Aber dann, wenn es so weit ist, stehe ich da und tue nichts – ausser – schreiben. Hier zum Beispiel….

Ein Zettel für die Welt

arne am 3. Oktober 2010 um 01:47

Gerade dann, wenn ich denke, ich sollte hier mal wieder etwas schreiben, taucht als Echo sofort die Frage auf, warum ich das überhaupt tue. Und natürlich haben mich so einige Freunde schon gefragt, warum ich überhaupt “blogge”. Ja, ich habe das hier schon einmal beantwortet, aber das war bloß die halbe Wahrheit…
Vor einigen Minuten ist es mir eingefallen, und kühn, wie ich doch dann und wann, auch jetzt, bin, behaupte ich, dass ich nicht der einzige bin, auf den dies zutrifft, dies hier:
Ich möchte von Belang sein, für diese Welt.
Um das zu erreichen, gibt es wirklich viele Möglichkeiten. Aber die meisten davon erfordern Mut und die Bereitschaft, die Konsequenzen zu tragen (wie mir vor einigen Tagen ein Freund mitteilte…). Man könnte zum Beispiel eine Reise tun, um Sandsäcke zu füllen, sich in ein Schlauchboot setzen und an eine Bohrinsel ketten. Ja, klingt irgendwie aufwendig, oder? Da nehme ich mir doch lieber ein Bier aus dem Kühlschrank und mache mir vor, dass meine Fähigkeit, Gedanken zu denken und sie in verständliche Worte zu packen, für die Welt von Wichtigkeit ist. Bequemer gehts kaum…
Da fällt mir ein, was mich unter anderem zu dieser Erkenntnis brachte: Als Webdesigner habe ich es immer wieder mit Kunden zu tun, die meinen, ihr Erfolg wäre allein dadurch besiegelt, dass sie eine eigene Internetseite haben. Schließlich kann die ganze Welt dann in ihr virtuelles Schaufenster sehen, wow! Aber, ich verstehe diesen Gedanken gut. Selbst ich habe immer wieder das Gefühl, der ganzen Menschheit etwas mitzuteilen, wenn ich hier einen neuen Artikel schreibe, obwohl ich durch die Zugriffsstatistik weiß, dass ich vermutlich mehr Menschen erreichen würde, wenn ich meine Gedanken auf einen Zettel schreiben, ihn 1000 mal kopieren und die Kopien in 1000 Briefkästen stecken würde. Aber das würde mir nicht reichen. Blöd oder?
Unsere Welt wird mit der Anzahl ihrer Bewohner immer anonymer. Gerade in großen Städten wird deutlich, wie die riesige Auswahl der vielen netten Menschen dazu führt, dass wir schließlich keine Entscheidung für einen davon fällen. Als Künstler weiß man das sogar; die Kunst ist unmöglich ohne Beschränkungen. Wenn ich mich einem einzigen schon nicht mitteilen kann, warum dann nicht gleich der ganzen Welt? Die kann sich wenigstens nicht wehren. Sie legt nicht auf, man wartet auch nicht auf ihren Anruf. Ich gehe einfach davon aus, dass die Richtigen meine Botschaft erhalten, so belanglos sie auch sein mag. Die Befriedigung dabei ist mindestens subtil, aber ich muss nicht um sie bitten.
So werden wir Blogger uns weiter um Kopf und Kragen schreiben, ohne ein Risiko einzugehen, ohne uns anzustrengen, ohne die Konsequenzen zu tragen. Bequem verschaffen wir uns die Möglichkeit, wichtig zu sein, oder die Vorstellung davon.

Im Spiegel alter Fotos

arne am 11. August 2010 um 23:31

In diesen Tagen gestalte ich eine Geburtstagseinladung für meinen Vater. “Du bist der Profi”, sagte er zu mir, “ich vertraue Dir.” Die einzige Vorgabe, die er mir mitgab, war, dass ja das eine oder andere Foto von ihm zu sehen sein könnte.
Seit zwei Tage stöbere ich also in alten Fotos, und heute kam ich in die 90er. Das waren meine “Zwanziger”, von denen Billy Christal in “City Slickers” sagt, dass man sich als 30igjähriger fragen würde, wo die geblieben seien. Ich weiß schon lange, dass er Recht hat, aber heute, wo ich seit Jahren mal wieder in den Fotos blätterte, bekam das Wissen ein Gefühl.
Da waren nun alte Orte vor mir, die mal ein “Jetzt” gewesen waren, mein tägliches Leben, Freunde und Familie und wie sie damals aussahen, und dass das anders war, als es heute ist, und dass mir das bis gestern nicht bewusst war. Überall war meine damalige Freundin dabei; ich weiß nicht mehr, wie das Gefühl war, sie zu Lieben, aber ich sah auch den Arne, der sie liebte, und mit jedem Bild wurde mir deutlicher, dass es ein anderer Arne war, als der, der ich heute bin. Mein mich aus den Bildern anblickendes Gesicht war ein anderes, als das aus dem Spiegel heute morgen. Mit jedem Bild wurden das Gefühl und die Erinnerung deutlicher, bis ich tatsächlich Situationen fand, die ich noch einmal durchleben konnte, als wäre ich der alte Arne.
Nun stelle ich fest, dass die Stunden mit den alten Fotos ein neuer Schritt noch vorn waren, das die Reflexion der Vergangenheit an der Gegenwart ein neues Bild erschaffen hat. Auch der heutige Arne hat sich dadurch verändert. Und noch etwas Positives ist passiert. Ich sah Fotos, auf denen ich mir gefiel – dummerweise war ich auf diesen Fotos fünfzehn Jahre jünger. Ich wusste gar nicht, dass ich mal so schlank war…

Die Unmöglichkeit von Zeit

arne am 30. Juli 2010 um 00:14

Der eigene Geist zeigt uns immer wieder die Unmöglichkeit von Zeit. Und wüssten wir nichts vom Tod, wir kennten sie nicht, sie wäre uns so fremd wie… ja, was?
Als uns die Erinnerung nicht mehr reichte, erfanden wir Medien und zeichneten alles auf. Daran werden wir für alle Zeit arbeiten, an der Möglichkeit, alles aufzuzeichnen, was geschieht. So halten wir fest, was es nicht gibt und vergleichen weiter mit dem Jetzt, wägen ab und urteilen, erfreuen uns an dem, was es nicht mehr gibt und betrauern es. Wir sehnen uns nach dem dritten Geburtstag unseres Sohnes, weil er da noch so süß und lieb war, und wie einfach war doch die Welt für uns, wohlbehütet im Haus unserer Eltern, wie unbefangen traten wir unseren Mitmenschen gegenüber und ließen uns nicht abschrecken von der Angst, etwas könnte schiefgehen, den Gedanken an ein Scheitern kannten wir scheinbar nicht, und immer wieder fragen wir uns, warum das nun anders ist, wo die gute alte Zeit wohl hin ist. Wir schauen uns alte Videos an, mit ungläubigem Kopfschütteln beneiden wir unsere alten Ichs, die es nicht mehr gibt, von denen wir nur annehmen können, dass sie zu dem führten, was nun ist.
Es begleitet uns dabei die Angst vor dem Moment, an dem wir ein letztes Mal zurückblicken, weil es keinen Blick nach vorn gibt. In dem Moment erst werden wir die Unmöglichkeit von Zeit klar vor uns sehen, und vielleicht werden wir dann nur noch bedauern, dass wir so oft das Jetzt ausser Acht gelassen haben. Womöglich können wir es sogar genießen, bevor es vorbei ist.

Ein Fall von Zufall

arne am 26. Juli 2010 um 00:24

Vor einigen Tagen lernte ich, dass die Erde eigentlich nur ein Meteorit war, also, dass es hier gar kein Wasser gab. So ein Meteorit besteht nämlich nur aus Gestein. Dieser Stein kreiste zwar um die Sonne, aber das allein hätte ewig so weitergehen können, ohne Veränderung. Dann prallten Kometen auf diesen Stein, und Kometen sind dreckige Schneebälle, das heißt eigentlich sind schneeige Dreckbälle, weil sie mehr Gestein als Wasser enthalten. Und nur dadurch konnte die Erde entstehen. Dadurch, dass genügend Kometen einschlugen und durch die Nähe zur Sonne, deren Wärme das Wasser flüssig machte und verdampfen ließ. Durch einige Zufälle wurde eine Grundlage geschaffen, die durch weitere Zufälle und eine lange Zeit zu dem führte, auf dem wir heute Leben und natürlich auch zu uns selbst.
Ein kleiner Stein also, in einem Raum ohne Grenzen, ein Stein unter anderen Steinen, deren Anzahl für immer unvorstellbar unzählbar sein wird, wurde zu etwas, dass der Lebensraum für uns wurde. Viele Zufälle führten zu dem, was wir “heute” nennen, einen Tag unter vielen anderen, an dem wir uns fragen, warum wir damit leben müssen, Menschen zu verlieren, die so ganz und gar nicht zufällig waren, und deren Tod, weil niemals trivial, also auch nicht Zufall gewesen sein kann. Durch Zufall kamen wir auf diesen Stein, und durch Zufall werden wir diesen Stein wieder verlassen, aber kein Zufall wird uns dabei helfen, das zu akzeptieren. Jedes Mal, wenn er uns überfällt, werden wir ihn persönlich nehmen, diesen Schmerz.