Die Unmöglichkeit von Zeit

arne am 30. Juli 2010 um 00:14

Der eigene Geist zeigt uns immer wieder die Unmöglichkeit von Zeit. Und wüssten wir nichts vom Tod, wir kennten sie nicht, sie wäre uns so fremd wie… ja, was?
Als uns die Erinnerung nicht mehr reichte, erfanden wir Medien und zeichneten alles auf. Daran werden wir für alle Zeit arbeiten, an der Möglichkeit, alles aufzuzeichnen, was geschieht. So halten wir fest, was es nicht gibt und vergleichen weiter mit dem Jetzt, wägen ab und urteilen, erfreuen uns an dem, was es nicht mehr gibt und betrauern es. Wir sehnen uns nach dem dritten Geburtstag unseres Sohnes, weil er da noch so süß und lieb war, und wie einfach war doch die Welt für uns, wohlbehütet im Haus unserer Eltern, wie unbefangen traten wir unseren Mitmenschen gegenüber und ließen uns nicht abschrecken von der Angst, etwas könnte schiefgehen, den Gedanken an ein Scheitern kannten wir scheinbar nicht, und immer wieder fragen wir uns, warum das nun anders ist, wo die gute alte Zeit wohl hin ist. Wir schauen uns alte Videos an, mit ungläubigem Kopfschütteln beneiden wir unsere alten Ichs, die es nicht mehr gibt, von denen wir nur annehmen können, dass sie zu dem führten, was nun ist.
Es begleitet uns dabei die Angst vor dem Moment, an dem wir ein letztes Mal zurückblicken, weil es keinen Blick nach vorn gibt. In dem Moment erst werden wir die Unmöglichkeit von Zeit klar vor uns sehen, und vielleicht werden wir dann nur noch bedauern, dass wir so oft das Jetzt ausser Acht gelassen haben. Womöglich können wir es sogar genießen, bevor es vorbei ist.

Ein Fall von Zufall

arne am 26. Juli 2010 um 00:24

Vor einigen Tagen lernte ich, dass die Erde eigentlich nur ein Meteorit war, also, dass es hier gar kein Wasser gab. So ein Meteorit besteht nämlich nur aus Gestein. Dieser Stein kreiste zwar um die Sonne, aber das allein hätte ewig so weitergehen können, ohne Veränderung. Dann prallten Kometen auf diesen Stein, und Kometen sind dreckige Schneebälle, das heißt eigentlich sind schneeige Dreckbälle, weil sie mehr Gestein als Wasser enthalten. Und nur dadurch konnte die Erde entstehen. Dadurch, dass genügend Kometen einschlugen und durch die Nähe zur Sonne, deren Wärme das Wasser flüssig machte und verdampfen ließ. Durch einige Zufälle wurde eine Grundlage geschaffen, die durch weitere Zufälle und eine lange Zeit zu dem führte, auf dem wir heute Leben und natürlich auch zu uns selbst.
Ein kleiner Stein also, in einem Raum ohne Grenzen, ein Stein unter anderen Steinen, deren Anzahl für immer unvorstellbar unzählbar sein wird, wurde zu etwas, dass der Lebensraum für uns wurde. Viele Zufälle führten zu dem, was wir “heute” nennen, einen Tag unter vielen anderen, an dem wir uns fragen, warum wir damit leben müssen, Menschen zu verlieren, die so ganz und gar nicht zufällig waren, und deren Tod, weil niemals trivial, also auch nicht Zufall gewesen sein kann. Durch Zufall kamen wir auf diesen Stein, und durch Zufall werden wir diesen Stein wieder verlassen, aber kein Zufall wird uns dabei helfen, das zu akzeptieren. Jedes Mal, wenn er uns überfällt, werden wir ihn persönlich nehmen, diesen Schmerz.

Relevant?

arne am 10. März 2010 um 02:01

Hätte etwas für mein Tagebuch. Aber, gerade dachte ich mir: Was wird dann daraus, aus meinem Tagebucheintrag? Wird es irgendwann einmal jemand lesen? Wird es für jemanden eine Bedeutung haben? Wohl eher nicht. Also, werde ich es wohl irgendwann lesen müssen, vielleicht, wenn ich alt bin. Was wird es mir dann bringen? Wahrscheinlich werde ich darüber weinen, wie schön es einmal war und dass es vorbei ist…
Ich sollte mich also womöglich lieber auf mein Gedächtnis verlassen, darauf, dass es mir ein freundliches Bild bereitstellt, wenn es soweit ist; ein Bild, dessen Farben ein bisschen weicher, dessen Kontraste eine gefällige Unschärfe haben und mir mit einem väterlichen Tätscheln sagen: Ist gut, alter Mann. Dein Weg war gut gewählt, kein Schritt, für den du dich schämen musst, nirgendwo falsch abgebogen. Getrost leg den Kopf zurück, und genieße den Rest.
Eigenartig, dass Thomas Mann so akribisch Tagebuch führte. So ein geschärfter Geist, so klug und weise. Kam er nie auf die Idee, dass ein Fußabdruck unwichtig wird, durch jeden neuen Schritt? War ihm nicht klar, dass die Zeit und ihre Kinder Vergangenheit und Zukunft nur ein sinnloses Raster sind, ausgedacht von einer Tierart, deren Hirne so groß wurden, dass sie Angst vor ihrem Ende entwickelten? Belang existiert nur innerhalb unserer eigenen Mauern. Darüber hinaus existiert nichts.

Das mit der Flucht nach vorn

arne am 21. August 2009 um 00:39

Ein eigenartiger, wenn nicht unpassender Moment für so einen Gedanken, aber ich saß nichtsahnend am Klavier und spielte die Träumerei von Robert Schumann, als mir in den Sinn kam, dass ich mich nicht in der Hand habe. Vielleicht war es der Kontrast zu der Musik, zu dem Instrument, dass ich sehr wohl in der Hand hatte, ja, in beiden sogar. Nur allzu oft verharre ich bei dem, was ich in der Hand habe; zu allem weiteren muss man mich zwingen. Gut klappt das in Situationen, in denen ich keine andere Wahl habe, in denen der einzige Fluchtweg der ist, der nach vorn führt. Hinterher merke ich, dass ich mich gut fühle, dass es richtig war, was ich tat und dass ich mein Ziel erreicht habe. Die Geschwindigkeit, die ich dabei an den Tag legte, kann erstaunlich hoch gewesen sein. Nur mit der Übertragung hapert es. Ja, ich spiele die Träumere wirklich gut, aber ich spielte sie auch gut, als ich zwölf Jahre alt war…

Glühwürmchen

arne am 26. April 2009 um 01:46

Trinkst Du genug, kommen sie, ein Sausen vor den Augen, ein Funkeln in den Ohren, durchlöchern sie die Dunkelheit, wie schön das ist, wie belebt. Deine Hände zittern vor Aufregung, wollen sie greifen, sie für sich haben, für Dich. Beschenkt könntest Du Dich fühlen, wie schön das wäre und hell noch dazu. Ein Leuchten für Dich beleuchtet mich. Wäre das so? Und würdest Du mich dann sehen? Oder käme es darauf gar nicht an?
Bestimmte Dunkelheiten sind bestimmt zu bleiben, einfach so, ungefragt. Wie ist das, wenn es so wäre, wie es ist? Oder anders? Könnten Sie dann fliegen? Und was wäre dann mit mir?

Das Buch zwischen den Zeilen

arne am 22. April 2009 um 23:49

Sicher nicht zum Ersten Mal, wurde mir heute klar, dass man manchmal viel sagt, gerade wenn man die Klappe hält. N Ding, was?
Wir denken uns ein kleines Missverständnis, dass wir nicht sofort aufklären können. OK, denken wir uns, die Gelegenheit wird schon kommen. Und dann, wenn es soweit sein könnte, müssen wir feststellen, dass dieses kleine leicht zu Fall zu bringende Missverständnis inzwischen an Kraft und Stand gewonnen zu haben scheint. Verzweifelt versuchen wir, die Bohrtiefe auszuloten; was ist geschehen? Welcher Film lief hier wie weit, seit dem wir das Kino verließen? Und wodurch? Wenn wir Glück haben, lag es nur am Schweigen. Vielleicht wurde es als Zustimmung verstanden. Wenn es “nur” das ist, können wir es schaffen. Dass Nichtsreden manchmal mehr sagt, als alle Worte, kann erschreckend sein. Aber, mit dem Blick in unsere Ecke zurückgedrängt, müssen wir uns nur daran erinnern, dass wir uns umdrehen können, und wenn wir das geschafft haben, werden wir verblüfft feststellen, dass uns auf einmal wieder alle Wege offen stehen.

Ode an Jan Christophersen

arne am 31. März 2009 um 00:12

Ich lese ihn nun nicht zum Ersten Mal, den Debütroman “Schneetage” von Jan Christophersen, und dabei erschien er erst im Februar. Und sofort dachte ich mir, unbedingt empfehlen, darüber schreiben. Aber die Presse überschlägt sich ja geradezu mit Lob (hier lesen) Und warum sollte ich etwas wiederholen?
Aber heute kam ich drauf. Während ich las, ist es mir aufgefallen:
Bei mir stellte sich ein Gefühl ein, dass ich vergessen glaubte, von dem mir nicht einmal bewusst war, dass es das gab. Es hat mit der eigentlichen Faszination einer Geschichte zu, denn nur auf die Geschichte kommt es an. Erinnert Ihr Euch daran, wie es war, ein Kind zu sein, dem eine Geschichte erzählt wird? War es die Mutter, der Vater oder vielleicht der große Bruder, bei “dessen Stimme Klang” Ihr in das Land der Träume geschwebt seid? Oder habt Ihr auf dem Schoß des Opas gesessen, zurückgelehnt in seine Arme, die das Buch mit den Zauberzeichen hielten, und könnt ihr noch die Vibration seiner sonoren Stimme an Eurem Hinterkopf spühren?
Ja, dieses Gefühl kam über mich, und ich kann Euch nicht sagen, wann es das letzte Mal war, dass ich mich so geborgen, so liebevoll entführt fühlte. Es ist diese Stimme, die ganz natürlich aus diesem Roman spricht, selbst wenn man ihn selbst liest. Sie entführt Dich in eine Welt, die zu Deiner wird, innerhalb von wenigen Sätzen, und Du merkst es gar nicht. Und auf einmal spührst Du die warme Umarmung, die Stimme… nur darauf kommt es an.

http://www.janchristophersen.de/

Mensch und Tier

arne am 15. März 2009 um 04:26

Stimmt das eigentlich mit der Unterscheidung zwischen Mensch und Tier?
Was sagte Darwin dazu? Wenn wir vom Tier abstammen, was macht uns dann zu einem Menschen, also zu etwas völlig anderem, als ein Tier? Gab es irgendwann in der Evolution wirklich eine Grenze, die wir überschritten?
Nein! Unser Hirn wurde irgendwann groß genug, dass uns bewusst wurde, dass wir sterblich sind. Aber das Tier wurde uns dadurch noch lange nicht genommen. Während sich unser Hirn in die Moral verstrickt, unser Handeln durch sie bewertet, folgen unsere Instinkte den alten Regeln aus Zeiten, die nichts mit dem zu tun haben, was wir menschlich nennen. in jedem von steckt das, in wenigen erscheint es. Der Rest ist erschüttert, verurteilt, kann es nicht fassen. Wenn es Hart auf Hart kommt, verlieren wir die Korrektur und bleiben allein. Der Rest schüttelt den Kopf.

Die Flut

arne am 6. März 2009 um 02:14

Hat sich mal jemand, irgendwer, dafür entschieden, immer der Letzte zu sein? Gibt es das? Also, ich hab mich nie dafür entschieden, nicht zu heiraten, bis ich vierzig bin. Aber vielleicht hätte ich eine Entscheidung treffen müssen, um das zu verhindern…?
Was schützt uns eigentlich? Die Medien werden immer allgegenwärtiger, dringen immer tiefer in ein jedes Leben ein. Während wir uns noch vor zehn Jahren im Spiegel der oberen Zehntausend sahen, unser kleines Licht neben ihnen, unsere Träume neben ihrer Realität, schwappt die anonyme Masse nun hoch; sie dringt durch immer breiter werdende Ritzen der Medienkontinente, durch Blogs und twitter, und sie treten über die Ufer ins Nachmittags- und Nachtprogramm. Die Masse labt sich an ihres Gleichen, auf der Suche nach jemandem, der ihr im Spiegel zurücklächelt. Vielleicht schützt uns das, dass wir uns breit machen können, dass wir einen Weg gefunden haben, uns als Mehrheit wahrzunehmen, die von Belang ist, deren Wert überflutet, den Wasserspiegel steigen lässt, bis alle Menschen wieder auf einer Höhe schwimmen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir so etwas erfahren durften: Wo die Flut herrscht, sind alle Menschen gleich.

34 und dankbar

arne am 19. November 2008 um 01:15

Seit 20 Minuten zähle ich nun einen Lenz mehr, oder wie das heißt. Ja, normalerweise jammere ich dann rum, der langen Zeit wegen, die hinter mir liegt, der kurzen vor mir, usw.
Mit dieser Tradition will ich nun mal brechen und mich statt dessen bedanken. Als Soundtrack dazu läuft “Disintegration” von The Cure, dass vor 20 Jahren aufgenommen wurde und seit seinem Erscheinen 1989 auch in meinem Besitz ist.
Wofür nun bedanken, wird manch einer, der mich kennt, jetzt denken. Singel, kleine Wohnung in Barmbek, kein Rockstar geworden, erster Roman immer noch nicht fertig. (Stimmt eigentlich; ich muss das Steuer rumreißen…!)
Ich bedanke mich für mein Leben, so wie es ist, und ich bedanke mich dafür, dass es sich immer noch ständig ändert und erweitert, dass es wächst und mich immer noch wachsen lässt, dass ich dazu lernen darf, was, wie wir wissen, zu den schönsten Gefühlen für uns Menschen gehört.
Ich bedanke mich für Musik und Sprache, zu denen ich ein so enges Verhältnis habe, die mich immer wieder überraschen und mir neue Welten eröffnen, mich glücklich und hungrig machen, mir helfen, bei der Beantwortung meiner Fragen und dabei, neue Fragen zu stellen.
Ein lieber Dank geht an meine Kunden, nicht nur, weil es immer mehr werden, sondern weil die Zusammenarbeit mit ihnen Spaß macht, weil sie offen sind für meine und auch für ihre Ideen, weil sie ihren Erfolg mit mir teilen, und weil sie tolle Menschen sind, mit denen man am liebsten auch eng befreundet sein möchte.
Aber ganz besonders bedanken möchte ich mich bei den Menschen, die mich umgeben, meine Familie und meine Freunde. Bei vielen von ihnen durfte ich über die Jahre miterleben, wie ihre Leben sich veränderten, wie sie Familien gründeten, Berufe ergriffen und andere Veränderungen “durchmachten”. All dies teilten sie mit mir und blieben mir “treu”, auch wenn ihre Welt sich inzwischen in vielen Teilen von meiner unterscheidet. Und immer wieder kommen neue Freunde hinzu, die mir schnell ans Herz wachsen. Sie alle werden nicht müde, an mich zu glauben und mich zu unterstützen, mir beizustehen. Das alles beeindruckt mich und gibt mir eine dankbare Demut.
Das Leben ist schön. Das ist vielleicht deshalb so, weil es das größte Geschenk ist, dass wir von Minute zu Minute neu verdienen dürfen. Manchmal vergesse auch ich das, und ich danke dafür, dass immer wieder etwas geschieht, dass mich daran erinnert.
Ich weiß noch wie aufgeregt ich als Kind in der Nacht vor meinem Geburtstag war, allein der Geschenke wegen. Einmal konnte ich überhaupt nicht schlafen. Nach Mitternacht schlich in ins Wohnzimmer zu meinem Geschenketisch und packte alles aus. Ich spielte mit dem Playmobilgespenst, das meine Schwester mir schenken würde, und ich hörte mir die TKKG-Kasetten an. Dann packte ich alles wieder ein und ging ins Bett. Ich bedanke mich für die Erkenntnis, dass es so viel mehr gibt, als gekaufte Geschenke, hübsch verpackt, dafür, dass diese Erkenntnis dankbar macht.
Im Moment liegen vor der Menschheit Aufgaben, die schwer scheinen, deren Gewicht noch nicht von allen wahrgenommen wird. Was wir brauchen ist Kraft und Zuversicht, alles andere haben wir bereits. Deshalb schließe ich mit einem Wunsch; als Geburtstagskind steht mir ja wohl ein Wunsch zu….
Ich wünsche jedem Menschen auf dieser Welt eine Familie und Freunde, wie ich sie habe. Die Kraft und Zuversicht, die sich daraus gewinnen ließen, würden mehr als ausreichen, für alles, was kommt und kommen mag.