Wir leben

arne am 8. Oktober 2011 um 02:18

Sophie Hunger in den Ohren, grimmiges Mädchen, offener Geist, pochende Wunden, Genie. Wie unsere fragilen Seelen sich vor der lauten Welt, dem Schreck hinter jeder Ecke, behaupten können, steckt in ihren Liedern. Unwiederbringlich können wir fallen, tief stürzen, weiter, bis aus dem Sturz ein Weg wird, weil die Landschaft endet, der Wind stoppt. Die Sinne getäuscht, löst sich die Bewegung auf. Wir finden uns im Nirgendwo, sofern wir noch suchten. Und doch reicht ein Wink am Wegesrand, eine Hand, die uns hält, etwas regt sich wieder, führt uns fort…
Ein neuer Ort wartet auf uns, und weil wir nichts davon wussten, fühlen wir uns als Entdecker, richten uns als solcher auf, heben den Kopf und blicken nach vorn. Wir bleiben stehen, können uns umsehen, weitergehen. Eine neue Landschaft beginnt, unbekannt und dadurch schön, die Phantasie erwacht, öffnet die Sicht über den Horizont hinaus, zieht uns ein Lächeln ins gelähmt geglaubte Gesicht. Unsere Seele heilt sich selbst, stärkt sich vor dem nächsten Sturz, der auch nur aus der Höhe gelingt. Wir leben.

Wieder im Jetzt

arne am 29. Mai 2011 um 00:11

Das war nun die Reise zur Reise in der Vergangenheit nach Hong Kong. Passend dazu höre ich gerade das Album “The unforgettable fire” von U2. Schön an der Reise war das Wiedererleben, die Auffrischung des Bewustseins, wie es sich ändert durch Neues. Aber es bleibt ein Nachgeschmack, der durch das nächste Neue abgelöst werden will. Ich frage mich, ob ich ein Junkie werden könnte, der, je öfter er verreist, desto schneller wieder aufbrechen muss. Ist es also ein Segen, dass mir dazu im Moment die Zeit fehlt? Oder ist es gerade nicht so? Das Leben hinter jener Wegbiegung könnte doch so viel schöner sein, als dieses…
Wann hören wir auf (und wodurch), uns das zu fragen? Ich habe mal von einer 25jährigen Frau gehört, die ein Haus am Rande des Dorfes baute, in dem sie aufgewachsen war. Warum sie das konnte? Nun, ihr Bausparvertrag war so weit. Sie hatte diesen Traum seit ihrer Kindheit gehabt, ihn nie in Frage gestellt, und ihn schließlich in die Tat umgesetzt. Sie würde das Leben ihrer Eltern und das ihre genauso fortführen, wie es war. ich war ein bisschen schockiert von der Geschichte, aber ich beneidete die Frau auch. Sie hatte ein Ziel und das hat sie verfolgt. Keine Zweifel. Für mich ist es ganz einfach, diesen Traum zu träumen. Ein Haus, eine Familie gründen. Ja, das ist wirklich das Beste, was einem passieren kann, die ursprünglichste Form des Glücks. Alles andere ist Beiwerk, ein bisschen Musik und Literatur hier, ein bisschen Reisen dort, aber ganz oben: Die eigenen Kinder aufwachsen sehen.
Wieder im Jetzt bleibt also die Frage: Was bringt die Zukunft? Ist schon eigenartig, was man sich für Gedanken macht, um etwas, das naturwissenschaftlich gar nicht existiert, nicht wahr? Ist es so schwer, das Risiko einzugehen, glücklich zu werden? Und wenn ja, warum?

Der Rückflug

arne am 26. April 2011 um 23:35

Mitten in der Nacht ging es los. Dieses Mal fuhr ich mit dem Bus zum Flughafen. So konnte ich mich noch eine Weile von dieser unglaublichen Stadt verabschieden. Hamburg wird mir wie ein Dorf vorkommen.
In den Nachrichten hört man meist nur, wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert. Ich bin dann immer wieder geneigt, zu denken, dass Deutschland doch eigentlich der einzige Ort auf diesem Planeten ist, an dem es sich leben lässt. Und auf Platz zwei hätte ich vielleicht Italien oder Irland gewähnt, aber dann hätti ich schon überlegen müssen…
Aber dieses Land hat mir wieder einmal gezeigt, dass das ganz und gar nicht so ist. Dieser Planet ist wundervoll, und überall auf ihm wohnen wunderbare Menschen. Es gibt nur wenig, dass unsere Seele so gut tut, wie auf die Reise zu gehen und diesen Planeten und diese Menschen zu finden und kennen zu lernen.
Fotos folgen…

Hong Kong Midlands

arne am 25. April 2011 um 23:29

Auch heute kann ich nicht mit Abenteuern dienen. Es war einfach und entspannt auf der Wahnsinnsrolltreppe den Berg hinauf und in den Straßen und Gassen rechts und links davon. Eine Unmenge von Läden, Cafés und Restaurants, die vielen Menschen darin, die sich passend entspannt dazu bewegten, flanierten, auf Stufen saßen, Kaffee tranken und lasen. Ich kaufte mir eine Cola und setzte mich dazu, an den Rand der Rolltreppe. Und in dieser Ruhe des Körpers spürte ich das Flirren in mir, dass eigentlich doch Abenteuer pur war. Hinter mir lief ein Gespräch, dass ich nicht verstand, links neben mir las jemand etwas, das ich nicht lesen könnte, rechts gingen Menschen vorbei, fuhren stehend vorbei. Für die meisten von Ihnen war es sicherlich Alltag, das zu tun, gar kein Abenteuer, auch wenn an ihrem Tag vielleicht mehr passieren würde, als an meinem. Aber für mich war alles hier fremd und neu. Ich war aus einer anderen Welt hierher gekommen, um mich an den Rand ihres Alltags zu setzen und ihnen zuzusehen. Ja, durch unsere Medien ist es uns möglich, am Bildschirm die ganze Welt zu sehen, aber wenn man es wagt, an einen völlig fremden Ort zu reisen, in eine völlig fremde Stadt, und wenn man dort eine Straße überquert und sich auf eine Stufe setzt, wenn man hört, sieht, riecht und schmeckt, einzelne Menschen beobachtet, wie sie stehen bleiben, sich umdrehen und lächeln, weil jemand sie ruft, dann macht sich etwas in einem breit, was einem kein Medium der Welt jemals wird verschaffen können.

Stanley und Kowloon

arne am 24. April 2011 um 23:26

Größere Kartenansicht
Heute Vormittag fotografierte ich einen älteren Mann, der im Hafenbecken angelte. Der deutsche Öko in mir fragte sich sofort, ob ein Fisch aus dem Hafen von Hong Kong einen nicht sofort vergiften muss. Aber was weiß ich schon…
Mit Marco ging es dann nach Stanley, das Kampen der Hongkonger. Hier ist der Ort für die Touris, die es gern schick, sauber und heil haben. Ein schöner Strand mit schönen Menschen und Yachten und irgendwo zwischen Strand und den am Hang liegenden Hochhäusern eine Gasse mit den passenden Läden dazu… alles an chinesischem Tant, billig und Teuer, was man sich vorstellen kann und weit darüber hinaus. Wieder so schön entspannt, wie gestern. Ich genieße es, vielleicht ist meine Abenteuerlust für dieses Mal einfach gestillt. Und natürlich ist der Muskelkater in den Beinen ohne Gleichen.
Abends war ich dann allein unterwegs auf der anderen Seite in Kowloon, wo sich über mehrere Straßen der Nightmarket erstreckt. Auch hier wie überall, viele Stände mit fast echten Designerklamotten und Uhren. Am skurilsten waren die Zelte mit den Wahrsagern und Omas, die Sexspielzeug verkauften – wirklich, es waren ausnamslos Großmütter. Ihr zahnloses Lächeln hinter Wäldern von Dildos, von nackten Glühbirnen beleuchtet rührte und amüsierte mich.
Vorher gab es noch am Hafen etwas zu sehen. Die allabendliche Lichtshow am anderen Ufer, also Hong Kong Island. Das schönste dabei waren die vielen Menschen, die sich mit mir versammelten. Gemeinsam genossen wir die Lichter an und auf den Häusern, die Laserstrahlen und die Nacht und ihre feuchte etwas abgekühlte Luft. Selbst als Hamburger imponierte mir die Größe dieses Lebens, aus dem alles entstehen könnte, das alles vermag. In dieser Nacht merkte ich, dass ich das vermissen würde. Ich lechze nach dieser Art Leben, weshalb ich es mir auch nicht vorstellen kann, zurück in meine Heimat zu ziehen.

Cheung Chau

arne am 23. April 2011 um 23:14

In der letzten Nacht träumte ich von den sich ins Tal wälzenden Wolken und von Schritten auf Stufen, erleichtert und verwirrt von der Erleichterung. Marco hatte am Abend immer wieder mit dem Kopf geschüttelt, über den Wahnsinn, den ich mir “angetan” hatte.
Als ich am Morgen erwachte, meinte ich für einige Minuten, zu nichts fähig zu sein, was mit Gehen zu tun hat. Aber wir hatten etwas vor, was schlicht und entspannt war, was keine besonderen Wegstrecken erforderte.
Die Insel Cheung Chau ist, ähnlich wie Lamma, ein schöner Ort, Tourist zu sein. kleine Fischerboote in einer Bucht, Essen überall, Andenkenlädchen, wohin das Auge blickt, alte Hauser und Bäume, reges Treiben von entspannter Freundlichkeit. Ja, jeder Schritt tat weh. Aber ich passte mich an und Marco war sehr verständnisvoll ob meiner Sitzpausen…
So saßen wir am Strand, in Caffees, und auf Bänken. Wenn ich jetzt zurückdenke, war es wohl der schönste Tag: Ich lebte noch. Wie wohl alles in unserem Leben erhält jede Tatsache ihre Bedeutung durch den Kontrast. Vielleicht war es ein Gefühl von bestandener Aufnahmeprüfung, oder davon, tatsächlich mal ein Risiko eingegangen zu sein… und… es überlebt zu haben. Ich hatte mir etwas verdient, was mehr wert war, als mir irgendjemand hätte auszahlen können. Wenn wir heranwachsen, überschreiten wir täglich neue Grenzen, hinter denen Neues uns überrascht. Das Glück, wieder eine Grenze gefunden und überwunden zu haben, ist umso stärker, je mehr es vergessen war. In der unverbindlichen Leichtigkeit dieses Tages konnte sich dieses Gefühl in Ruhe breit machen und sich genießen lassen.

Lantau

arne am 22. April 2011 um 23:48

Heute brach ich als Touri auf, und eigentlich würde ich als solcher auch erzählen, von der Insel, von meiner erfolglosen Suche nach einer passenden Jeans im Outlet Store, von der nebligen Fahrt in der Seilbahn, mit freiem Blick durch den Glasboden in die Tiefe, von der größten Buddah-Statue der Welt, vom Pfad der Erkenntnis. Ja, den hatte ich dann hinterher….
Auf den Lantau Peak wollte ich, weil mein Reiseführer versicherte, der Aufstieg würde sich wegen der tollen Aussicht lohnen. Die Treppe aus Felsgestein sah bequem aus, und so marschierte ich los. Was folgte, war zunächst, nach ca. 20 Minuten, anstrengend. Nach 40 Minuten, dachte ich mir, dass ich es lieber nicht gemacht hätte. Nach einer Stunde wollte ich umkehren, aber als ich mich umwandte, bestätigte sich meine Befürchtung: Es war viel zu steil. Die bequeme Treppe war zu einem steilen, etwa 40cm breiten Schottergebilde am Abgrund geworden, und ich dachte mir, auf der anderen Seite ist es bestimmt weniger schlimm. Und die Treppe ging immer weiter, in die Wolken, Luft aus kleinen kalten Tropfen, die Stufen immer glitschiger. Hier begann die Angst. Ich dachte immer, ich wüsste, was Angst ist, wie sie sich anfühlt. Schließlich hatte ich schon oft Angst erlebt.
Nein, hatte ich nicht. Und es fällt mir schwer, Worte dafür zu finden. Ich dachte, ich schaffe es nicht bis nach oben, und schon gar nicht wieder zurück, und ich wusste nicht, was mich auf der anderen Seite, beim Abstieg, erwartete. Seit der ersten Stufe war ich keinem Menschen begegnet. Wenn das so ein lohnender Aufstieg war, warum war ich dann Mutterseelenallein?
Ich begann, mir selbst Mut zu machen, mit mir zu sprechen, immer gleiche Sätze, dass es nicht mehr weit sei, das ich es schaffen würde. Sehen konnte ich das Ende nicht, zu keinem Zeitpunkt. Ausser, als ich es dann endlich erreicht hatte. Meine Aussicht war die Hand vor meinen Augen, in der Wolke, in der ich stand. Übrigens ist es oft viel kälter und windiger, in über 1000m Höhe…
Ich zog, alles an, was ich hatte, drückte das Wasser aus meinen nassen Haaren, machte noch ein paar Fotos und stieg wieder hinunter. Und, ja, der Abstieg auf der anderen Seite war nicht so steil, aber nasser und glitschiger, und der Nebel reichte bis hinunter, bis ich wieder Autos in der Ferne fahren hörte, bis ich endlich an der Straße stand, an der Bushaltestelle. Und als nach einer halben Stunde endlich ein Bus kam, als ich einstieg und in eines der Polster sank, konnte ich es nicht fassen, den Bus so wenig, wie das, was gerade hinter mir lag. Knapp vier Stunden, die alles geändert zu haben schienen.

Macau, 2ter Tag

arne am 21. April 2011 um 00:33

Da die Karten in meinem Reiseführer sehr grob sind, nahm ich die kostenlose Touri-Faltkarte mit, die mir eines dieser freundlichen Lächeln gestern bei der Ankunft überreicht hatte. Doch auch diese Karte glänzte eher durch hübsche Bildchen und Icons, als durch Genauigkeit. Und so irrte ich über die Insel, immer mit dem Gedanken, mein Ziel wenn schon nicht zu erreichen, so doch vielleicht einzukreisen: Den Tempel zu Ehren das Mädchen AMa. Dieses Mädchen soll vor langer Zeit die Fischer vor einem Sturm gerettet haben. Wie die kleine das hingekriegt hat, darüber schweigt sich mein schlaues Buch allerdings aus…
Schließlich finde ich die Anlage, durch den glücklichen Zufall, dass drei Reisebusse in eine von mir totgeglaubte Straße einbiegen.
Der Komplex ist, seit dem ich in diesem Land bin, das erste größere Bauwerk, das tatsächlich so aussieht, wie ich mir die chinesische Architektur vorgestellt hatte. Die Dächer, die Verzierungen und Figuren und Statuen überall, eben alles, was bei uns nur kitschig aussieht, hier jedoch angebetet wird. Und auch dem Beten ist hier der Kitsch nicht abzusprechen. Die “Pilger” treten ein, kaufen sofort einen großen Strauß fingerdicker Räucherstäbchen, die flugs ALLE entzündet werden, und durchqueren dann das heilige Areal, verbeugen sich mehrmals vor verschiedenen Statuen, bevor sie sich davor aufbauen, um mit ihrem Handy noch schnell einmal den großen Augenblick festzuhalten. Eigentlich muss ich darüber lachen, aber diese von Herzen erfreuten Gesichter, aus denen auch in den skurrilsten Situationen die reine Rechtschaffenheit spricht, ist ansteckend wie der Anblick spielender Kinder. Und so laufe ich begeistert mit und fotografiere. Getrübt wird das ganze nur durch den Rauch der nach einer Mischung aus Jasmin und Omas brennendem Kleiderschrank riecht, und manchmal ist er so dicht, das es Mühe macht, zu atmen.

Macau

arne am 20. April 2011 um 10:29

Die Halbinsel Macau kann zu Wasser oder auf dem Luftweg erreicht werden. Ich reiste per TurboJet-Boot, was ungefär 10% des Luftpreises kostete (auch wenn ein Hubschrauber sicher nett gewesen wäre…). Und das Ding flog immerhn so schnell übers Wasser, dass man sich wie im Flugzeug anschnallen musste.
Als die Portugiesen Macau 1999 an die Chinesen zurückgaben, mussten diese einen Weg finden, den Wohlstand der Insel zu erhalten. Kurzer Hand wurde das Glücksspielverbot dort aufgehoben. Innerhalb eines Jahres entstand das chinesische Las Vegas…
Ich werde hier bis morgen bleiben, einmal, um mir die Casinos bei Nacht ansehen zu können, und weil es hier noch einiges zu sehen gibt, zum einen die portugiesische Architektur, zum anderen eine wunderbare Kirche und, endlich, einen Tempel. Habe ein gutes Hotelzimmer für ca. 55 Euro, und Beine und Füße dabei, die mich hoffentlich weit herumtragen.

Hong Kong Peak

arne am 19. April 2011 um 23:49

Bevor es heute auf den höchsten Punkt Hong Kongs ging, machte ich ein wahnsinns Panorama von der Aussicht aus meinem Schlafzimmer, was eigentlich Marcos Wohnzimmer war. Da man im 55. Stock nur ein kleines Fenster nur halb öffnen kann, musste ich die Kamera am ausgestreckten Arm über den Abgrund halten (natürlich über den Gurt gesichert!!). Ich machte 22 Aufnahmen, die Photoshop dann zu einem ca 3 GB großen Tiff zusammensetzte…
Mit der uralten Zahnradtram fuhr ich bis zum offiziellen Peak. Aber statt mit dem Fahrstuhl zur Aussichtsplattform, stiefelte ich noch eine halbe Stunde lang zu einem höheren Platz, eine kleine runde Fläche mit Parkbank, wo ich allein war und in Ruhe den Blick genießen konnte. Es war erstaunlich. Weit unten vor mir lag diese riesige Stadt, rund 17 Millionen Menschen auf engstem Raum, ein unglaubliches Treiben, dass jedoch von hier aus völlig ruhig zu schlafen schien. Zu hören war wieder nur die Natur, wie ich sie von gestern schon kannte. Die Sonne schien warm und die Luft war völlig klar. Nie hätte ich geglaubt, dass man sich dort so allein und frei fühlen kann. Es war die gelebte Metapher dafür, dass letztlich die Natur siegen wird. Vielleicht werden wir sie so zerstören, dass wir dabei auf der Strecke bleiben, dass der Planet für uns unbewohnbar wird. Aber die Natur wird sich aufpeppeln, wird einen neuen Weg finden und neues Leben schaffen.