Heimweg
Sinkflug nach Paris, der zweite Teil wird mir wie ein Katzensprung vorkommen.
Irgendwo habe ich mal gelesen, man soll sich immer im Jetzt aufhalten, weil die Vergangenheit nicht wiederkommen wird und weil die Zukunft noch im Unklaren liegt. Aber vor allem, weil es die Zeit an sich gar nicht gibt. Was es gibt: Dinge die passieren, nach denen oder durch die andere Dinge passieren. Also was soll’s? Nach Paris passiert Hamburg und vielleicht werde ich es jetzt neu Entdecken. Die Sonne scheint, während es in New York gerade Mitternacht ist. Da kann man mal sehen, was Zeit für ein Unsinn ist. Wir haben sie uns nur ausgedacht, um uns verabreden zu können. Dafür war sie ja auch sinnvoll. Aber so ist es ja mit allem…. Es führt zu etwas. Und wer kann das schon voraussehen, zu was?
Vor der letzten Nacht
Meine Zeit in New York neigt sich ihrem Ende, und ich stehe am offenen Fenster im Flur vor der letzten meiner drei Zufluchtsorte, dem Megaloft in Brooklyn. Wirklich, das Ding ist geradezu lächerlich groß.
Mit unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen kam ich vor fast drei Wochen hierher. Ich werde nicht einmal versuchen, mich an sie zu erinnern. Angesichts dessen, was ich hier erleben und erfahren durfte, käme es mich lächerlich vor.
Mein erster zufriedener Gedanke ist, das die Stadt meiner Träume nun zu meiner Traumstadt geworden ist.
Dann folgt auch schon der Abschiedsschmerz, den ich heute in Manhattan empfand, weil ich wusste, dass ich das letzte Mal dort war. Die 150 Dollar für die Theaterkarte haben dann doch ein zu tiefes Loch in die Reisekasse gerissen…
Ja, ich werde alles hier vermissen, die immer neuen Welten, an jeder Kreuzung, die alten imposanten Häuser, die Feuertreppen und die gusseisernen Zäune und Hydranten, die Briefkästen, die aussehen, wie Mülleimer, die Hot Dog Stände überall, die mitten in der Stadt den Geruch von BBQ verbreiten, aber vor allem die Subway, wunderschöne, in der Sonne funkelnde Züge, die vor allem unter Erde mit halsbrecherischer Geschwindigkeit rumpelnd und schaukelnd von Station zu Station rasen. Vieles von dem, was ich an Hamburg liebe, hat hier seinen Ursprung, und der atmet in jedem Stahlträger, in jeder Niete, die darin steckt, die Luft eines Jahrhunderts. Darin leben zu dürfen, muss ein ein unvergleichbares Fundament des Glücks legen.
Frei nach Loriot
Erst einmal ein Schmankerl für alle Loriotfans.
“Was macht so ein Opernsänger eigentlich, wenn er alt ist?”
…
Wall Street
Was auch jeder einmal machen sollte, ist zu Fuß nach Manhattan zu laufen, über die Brooklyn bridge. Sie ist ein wunder und wunderschön und Ihr Alter, überall erkennbar, berührt mich irgendwie.
Dann laufe ich durch Chinatown und fühle mich wieder ein bisschen, wie in Hong Kong, und mein Lunch wartet in little Italy auf mich. Ich gehe in einen dieser unglaublichen Lebensmittelläden und frage, nach einer angeregten Diskussion mit den zwei Herren hinter dem Tresen über die sinnvolle Größe eines Kamerasensors, die Dame des Hauses, wo ich denn Essen gehen sollte. Nun, sie schickt mich zu Sal’s Restaurant, wo ich eine klassische Pizza aus dem Steinofen esse. Keine Kinkerlitzchen und Kräuterspielereien, einfach eine ehrliche Pizza. Lecker!!
Nun, vor meiner letzten Nacht, komme ich endlich in die nach der alten Schutzmauer benannten Straße, und bin zum ersten Mal enttäuscht. Kein Wunder also, das ich den Besuch hier instinktiv aufgeschoben habe…
Bis auf die bekannten Häuser gibt es hier nicht allzu viel zu sehen. Was mich überrascht hat, war, wie eng, wie schmal diese Straße ist. Die Mauern also, die hier auch nicht höher sind, als woanders in NY, wirken durch den geringeren Abstand. Der Name passt doppelt.
Nach dieser leichten Enttäuschung war ich froh, wieder eine Promenade am East River zu finden, wo ich mich mit dem obligatorischen Starbucksgedeck, Latte und Muffin, einfand. Obwohl die Sonne sich nach wie vor nicht zeigte, genoss ich es. Einige Bänke neben mir saß ein altes Paar, dann und wann flitzten Jogger vorbei, und ein Pitbull ging mit seinem Frauchen Gassi.
Ode an Philip Seymour Hoffman
Ich denke, mein English hat in diesen Wochen wirklich zugelegt. Ich kann mich so ausdrücken, dass mich hier jeder versteht, und da eh über die Hälfte der New Yorker wie ich eine andere Muttersprache haben, muss ich mich auch nie für meine Aussprache schämen.
Für das, was ich heute Abend erleben durfte, fehlen mir jedoch die angemessenen englischen Worte, falls es sie denn gibt…
Der alte Saal des Barrymoore in NY wird dunkel und alles verstummt. Der Vorhang hebt sich, und ein bereits gebrochener Mann nähert sich mit Koffern in den Händen seinem Haus und schließt die Tür auf. Er ist nur schemenhaft zu erkennen, aber auch wenn er noch kein Wort gesagt hat, ist dieser Mann mit der Kraft seines ganzen Lebens, dass er hinter sich hat und das in den folgenden Tagen schwer auf ihn niedersinken wird, in voller Größe unter uns. Niemand kann sich ihm entziehen, niemand ihm helfen. Fassungslos erleben wir seinen Weg, bis er mit dem Rücken zur Wand steht und selbst in seinem Freitod noch etwas Gutes zu erkennen glaubt.
Ich ging hin, um mein Schauspielidol live zu erleben, aber nur das erlebte ich. So ist es, “wenn sich ein Schauspieler in den Dienst der Sache stellt” (Zitat eines Freundes). Noch nie in meinem Leben war mir das so klar, wie heute.
PS: Das Theater war sehr schön von innen, Fotografieren jedoch nicht erlaubt.
PPS: Das ist jetzt ein Sprung. Über gestern folgt aber auch noch etwas…
Lower East Side
Der erste Tag ohne die Trapps kann ja wohl nur so aussehen, dachte ich heute Morgen und entschied, dass ein tief hängender grauer Dunst genau das richtige für meinen Besuch des 9/11Memorial ist.
Nach dem Sicherheitscheck trat ich auf des von Baustellen umgebene Gelände und merkte, das Wetter ändert sich… Und nachweiteren zehn Minuten war der Himmel zu sehen und die Sonne ließ die Wasserfälle funkeln. Da stand ich nun und lehnte mich wie die anderen auf die Namen und blickte in die Tiefe. Und ja, ich finde es ist genau richtig so, wie es ist. Schon aus der Ferne, also von Deutschland aus durch das TV, fand ich die visuelle Metapher sehr schön, und nun fiel mir noch etwas anderes auf. Durch das immer gleiche Rauschen des Wassers entsteht eine ganz natürliche Stille, die es sonst an diesem Ort niemals hätte geben können, mitten in Manhattan.
Noch ein anderes Symbol steht dort: Der Survivor Tree. Diesen Baum fand man damals unter den Trümmern des WTC. Man brachte ihn in einen Park um päppelte ihn wieder auf. Jetzt steht er zwischen 400 Eichen, gestützt durch Seile, und ist sicherlich über drei Meter, ups, zehn Füße hoch, und die Menschen bleiben vor ihm stehen und bewundern und ehren ihn… und sie fotografieren sich gegenseitig vor ihm, klar. Aber auch das berührt positiv.
Ehrung sieht eben nicht immer gleich aus. Es gibt Völker, die sich ihm weinend und wehklagend zu Wurzeln werfen würden, und andere, die ihn so lange mit Räucherstäbchen dichtnebeln würden, bis er endgültig einginge. Und würden wir das besser verstehen? Es erinnert mich an kletternde Kinder im Stelenfeld in Berlin. Echte Trauer werden immer nur die Betroffenen empfinden. Die kollektive Moral, die gemeinsame Empfindung bleibt ein Konstrukt.
Danach war Schlendern angesagt, im Hudson Park. Leute, wer in New York einfach mal in Ruhe schlendern möchte, ist da genau richtig. Das Wasser, die Bänke auf der Promenade, die Joggenden und Picknickenden, die spielenden Kinder und knutschenden Liebespaare. Hier am östlichen Rande Manhattans, in der kühlen Brise des Hudson River destilliert all das Güte der ganzen Stadt, hochgehalten von der in der Ferne im Dunst stehenden Lady Liberty.
Umzug nach Clinton Hill
Mit einem schwarzen Taxi ging es heute morgen um zehn nach Clinton Hill (Brooklyn), zu meiner dritten Behausung, einem, na klar echten Loft. Der Empfang ist herzlich und der Raum, in den ich durch die Wohnungstür gebeten werde, ist so groß, dass ich bei jedem Schritt den Hall des knarzenden Holzfußbodens hören kann. Weil ich fünf Stunden zu früh bin, schiebe ich nur meinen Koffer in eine Ecke und mache mich auf in die Stadt.
Auf dem East River
Man sollte sich einem Wunder wie Manhattan auch einmal auf dem Wasserweg genähert haben. Wie sich die imposanten Häuser im Vorbeifahren gegeneinander verschieben, langsam dabei zu tanzen scheinen, wie lautlose Bühnenkulissen…
Dass einem dabei ab und zu der Wind den Atem nimmt, ist nebensächlich….
An Pier 11 stiegen wir aus und und flanierten Richtung Pastis, wo es ein lecker Lunch gab. Mein Ceasars Salad war allerdings nicht annähernd so lecker, wie der, den Antje macht.
Williamsburg verzaubert
Beinahe ausgeschlafen ging es heute Vormittag einfach zu Fuß zum Flohmarkt am East River. Es ist schon allmählich ermüdend, dass diese Stadt nicht aufhören will, mir ihre Superlativen wie Kah die Schlange ins Hirn zu brennen. Nein, nicht um die Größe geht es hier, sondern um die Dinge, die dort verkauft wurden. Nach nur wenigen Metern wurde mir klar, dass ich einen Container chartern müsste, wollte ich hier alles kaufen, was mir gefällt.
Nach einer Mittagspause am East River mit Blick auf Manhattan und dem Hintern im warmen Sand flanierten wir durch die Bedford Avenue und landeten schließlich auf einen Latte und einen Schokoladen-Cockie in der Abendsonne vor einem Café. Nun, wo ich es schreibe, kommt es mir belanglos vor, aber die Eindrücke, die Motive, nahmen auch dort kein Ende. Ja, es gibt in Hamburg ähnliche Gegenden, aber sie alle scheinen das, was hier natürlich ist, bestenfalls kopieren zu wollen. Es ist schier unmöglich, das innerliche Grinsen abzustellen, das sich hier einstellt. Aber, wer will das auch?
Der späte Abend gehörte Antje, mir und dem Nachtleben in der Bedford Avenue. Kleine Bars und Restaurants sind hier versammelt, ein Kiez, wie man ihn sich wünscht. Nach dem letzten Lager passierte es dann. Ich saß so da, auf einer Bank und blickte mich in der Bar um. Irgendetwas war eigenartig an dem Bild, zu vertraut…
In einer Ecke sah ich sie dann, die Shirts mit dem St. Pauli Logo. Sofort sprach ich sie auf Deutsch an. Ich darf also stolz verkünden: In Brooklyn gibt es einen Fanclub, dessen ureigenster Sport es ist, jedes Spiel aufzuzeichnen und dann am folgenden Abend in einer Bar zu zeigen, ohne vorher die Ergebnisse zu erfahren. Ach Freunde, die Welt rückt zusammen…




