Null
Nun sind wir also auf dem Weg, Schaf Paul und ich. Nach einem letzten Foto im Flieger sitzen wir am Gate zwischen unglaublich vielen unglaublich unterschiedlichen Menschen. Ich bin mir sicher, noch nie so eine Vielfalt auf einem Flug gesehen zu haben.
Minus Eins
Noch einmal schlafen (ich hoffe, ich kann schlafen…) und es geht los. Um 14:50 Uhr hebe ich also ab, Ziel New York, über Amsterdam. In meinem Kopf dreht sich alles… Michela, bei der ich die ersten 8 Tage wohnen werde, hat mir heute eine perfekte Wegbeschreibung gemailt. Was also sollte schon schiefgehen? Heute Nachmittag habe ich eingecheckt, alle Unterlagen liegen neben mir, der Koffer ist fast fertig gepackt. Fast? Na, da muss ich wohl gleich noch ran, damit die Zeit morgen für einen entspannten Espresso reicht. Mein Ziel morgen abend ist Queens, wo der King wohnt, wo die Steinwayflügel gebaut werden. Gerade musste ich noch 2 Monate warten, und schon ist es soweit. Noch 14 Stunden…
Minus Zwei
Die Liste mit den letzten to do’s liegt auf der Fensterbank, und auf dem Klavier liegen die ersten Kleidungsstücke, die morgen im Koffer landen. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich schon 2 Tage vor Abreise etwas vorbereite. Sonst bin ich eher der “inderNachtvorher”-Typ.
Bei der Frage, was die Reise nach New York so besonders macht, bin ich auf diese mögliche Antwort gestoßen:
Beinahe mein ganzes Leben lang ist diese Stadt irgendwie vorhanden. Das liegt wohl besonders an den vielen Filmen, die dort spielen. Sie haben über viele Jahre ein Bild von NY vermittelt, einen Eindruck davon, eine Relevanz, die mit keiner anderen Stadt vergleichbar ist. Ihre Geräusche, ihre Architektur, alles hat ein latentes Bild hinterlassen, unvollständig vielleicht, mit weniger Farben, ein bisschen ungenau, aber nachhaltig. Eine Schablone ist entstanden, und nun werde ich in die Realität eintauchen, werde erleben, wie sie sich von der Schablone unterscheidet und von meinen Erwartungen…
Minus Drei
Wenn Schreiben wirklich ein Ventil ist, ok, now is the time to prove it. Denn der Druck steigt. Eigentlich wollte ich den ersten Artikel in dieser Kategorie schreiben, wenn ich da bin, in “der Stadt, die niemals schläft”. Und weil es noch drei Tage sind, wird also ein Countdown draus, was den Titel erklärt, und mir, dass ich also auch morgen und übermorgen schreiben muss, uiuiui. Das ist er also, der ultimative Grund, einen Blog zu schreiben, die Verpflichtung, die man eingeht, das Versprechen einer Öffentlichkeit gegenüber…
Ich schweife ab. Den Wunsch, nach New York zu fliegen, trage ich mit mir herum, seitdem mir bewusst wurde, dass ich mich in Hamburg verliebt habe, und er wurde vielleicht sogar stärker, als mir bewusst wurde, dass das nicht selbstverständlich ist. Aus meiner kleinen Geburtsstadt Heide gab es Einige, die irgendwann nach Hamburg gingen, z. B. um zu studieren oder zu arbeiten, und viele von ihnen sind in die Heimat zurückgekehrt. Wolfgang Joop hat mal so etwas gesagt, wie: “Die Großstadt kann dir sagen, wer du bist; sie sagt dir aber auch, wer du nicht bist.” Das Bewusstsein, dass mir die Großstadt liegt, ihre Vielfalt und Unruhe, wurde 2010 in Hong Kong bestätigt, also begann ich zu sparen. Und nun, am Dienstag, ist es so weit. Der Wunsch, der jetzt über 10 Jahre alt ist, wird sich erfüllen. Irgendjemand wollte mir mal weiß machen, es wäre gut, den ein oder anderen Wunsch unerfüllt zu lassen. Dazu sage ich inzwischen aus voller Überzeugung: Bullshit!
Der Mensch will glücklich sein, einfach, weil es am Ende das Einzige ist, was ihm bleibt. Und was macht uns schon glücklicher, als uns Wünsche zu erfüllen? Vielleicht wollte dieser “Jemand” mir auch nur eine Schublade für unerfüllte Wünsche bieten. Denn natürlich hört das Wünschen nicht auf. Wir verändern uns durch das, was wir erleben, und dadurch entstehen neue Wünsche. Wir müssen also damit rechnen, dass wir am Ende unseres Lebens immer noch einen Sack voll unerfüllter Wünsche über der Schulter Tragen. Da finde ich doch das Ziel noch erstrebenswerter, neben diesem Sack einen Kopf voller Erinnerungen an all meine erfüllten Wünsche dabei zu haben!
Wir leben
Sophie Hunger in den Ohren, grimmiges Mädchen, offener Geist, pochende Wunden, Genie. Wie unsere fragilen Seelen sich vor der lauten Welt, dem Schreck hinter jeder Ecke, behaupten können, steckt in ihren Liedern. Unwiederbringlich können wir fallen, tief stürzen, weiter, bis aus dem Sturz ein Weg wird, weil die Landschaft endet, der Wind stoppt. Die Sinne getäuscht, löst sich die Bewegung auf. Wir finden uns im Nirgendwo, sofern wir noch suchten. Und doch reicht ein Wink am Wegesrand, eine Hand, die uns hält, etwas regt sich wieder, führt uns fort…
Ein neuer Ort wartet auf uns, und weil wir nichts davon wussten, fühlen wir uns als Entdecker, richten uns als solcher auf, heben den Kopf und blicken nach vorn. Wir bleiben stehen, können uns umsehen, weitergehen. Eine neue Landschaft beginnt, unbekannt und dadurch schön, die Phantasie erwacht, öffnet die Sicht über den Horizont hinaus, zieht uns ein Lächeln ins gelähmt geglaubte Gesicht. Unsere Seele heilt sich selbst, stärkt sich vor dem nächsten Sturz, der auch nur aus der Höhe gelingt. Wir leben.
Wieder im Jetzt
Das war nun die Reise zur Reise in der Vergangenheit nach Hong Kong. Passend dazu höre ich gerade das Album “The unforgettable fire” von U2. Schön an der Reise war das Wiedererleben, die Auffrischung des Bewustseins, wie es sich ändert durch Neues. Aber es bleibt ein Nachgeschmack, der durch das nächste Neue abgelöst werden will. Ich frage mich, ob ich ein Junkie werden könnte, der, je öfter er verreist, desto schneller wieder aufbrechen muss. Ist es also ein Segen, dass mir dazu im Moment die Zeit fehlt? Oder ist es gerade nicht so? Das Leben hinter jener Wegbiegung könnte doch so viel schöner sein, als dieses…
Wann hören wir auf (und wodurch), uns das zu fragen? Ich habe mal von einer 25jährigen Frau gehört, die ein Haus am Rande des Dorfes baute, in dem sie aufgewachsen war. Warum sie das konnte? Nun, ihr Bausparvertrag war so weit. Sie hatte diesen Traum seit ihrer Kindheit gehabt, ihn nie in Frage gestellt, und ihn schließlich in die Tat umgesetzt. Sie würde das Leben ihrer Eltern und das ihre genauso fortführen, wie es war. ich war ein bisschen schockiert von der Geschichte, aber ich beneidete die Frau auch. Sie hatte ein Ziel und das hat sie verfolgt. Keine Zweifel. Für mich ist es ganz einfach, diesen Traum zu träumen. Ein Haus, eine Familie gründen. Ja, das ist wirklich das Beste, was einem passieren kann, die ursprünglichste Form des Glücks. Alles andere ist Beiwerk, ein bisschen Musik und Literatur hier, ein bisschen Reisen dort, aber ganz oben: Die eigenen Kinder aufwachsen sehen.
Wieder im Jetzt bleibt also die Frage: Was bringt die Zukunft? Ist schon eigenartig, was man sich für Gedanken macht, um etwas, das naturwissenschaftlich gar nicht existiert, nicht wahr? Ist es so schwer, das Risiko einzugehen, glücklich zu werden? Und wenn ja, warum?
Der Rückflug
Mitten in der Nacht ging es los. Dieses Mal fuhr ich mit dem Bus zum Flughafen. So konnte ich mich noch eine Weile von dieser unglaublichen Stadt verabschieden. Hamburg wird mir wie ein Dorf vorkommen.
In den Nachrichten hört man meist nur, wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert. Ich bin dann immer wieder geneigt, zu denken, dass Deutschland doch eigentlich der einzige Ort auf diesem Planeten ist, an dem es sich leben lässt. Und auf Platz zwei hätte ich vielleicht Italien oder Irland gewähnt, aber dann hätti ich schon überlegen müssen…
Aber dieses Land hat mir wieder einmal gezeigt, dass das ganz und gar nicht so ist. Dieser Planet ist wundervoll, und überall auf ihm wohnen wunderbare Menschen. Es gibt nur wenig, dass unsere Seele so gut tut, wie auf die Reise zu gehen und diesen Planeten und diese Menschen zu finden und kennen zu lernen.
Fotos folgen…
Hong Kong Midlands
Auch heute kann ich nicht mit Abenteuern dienen. Es war einfach und entspannt auf der Wahnsinnsrolltreppe den Berg hinauf und in den Straßen und Gassen rechts und links davon. Eine Unmenge von Läden, Cafés und Restaurants, die vielen Menschen darin, die sich passend entspannt dazu bewegten, flanierten, auf Stufen saßen, Kaffee tranken und lasen. Ich kaufte mir eine Cola und setzte mich dazu, an den Rand der Rolltreppe. Und in dieser Ruhe des Körpers spürte ich das Flirren in mir, dass eigentlich doch Abenteuer pur war. Hinter mir lief ein Gespräch, dass ich nicht verstand, links neben mir las jemand etwas, das ich nicht lesen könnte, rechts gingen Menschen vorbei, fuhren stehend vorbei. Für die meisten von Ihnen war es sicherlich Alltag, das zu tun, gar kein Abenteuer, auch wenn an ihrem Tag vielleicht mehr passieren würde, als an meinem. Aber für mich war alles hier fremd und neu. Ich war aus einer anderen Welt hierher gekommen, um mich an den Rand ihres Alltags zu setzen und ihnen zuzusehen. Ja, durch unsere Medien ist es uns möglich, am Bildschirm die ganze Welt zu sehen, aber wenn man es wagt, an einen völlig fremden Ort zu reisen, in eine völlig fremde Stadt, und wenn man dort eine Straße überquert und sich auf eine Stufe setzt, wenn man hört, sieht, riecht und schmeckt, einzelne Menschen beobachtet, wie sie stehen bleiben, sich umdrehen und lächeln, weil jemand sie ruft, dann macht sich etwas in einem breit, was einem kein Medium der Welt jemals wird verschaffen können.
Stanley und Kowloon
Größere Kartenansicht
Heute Vormittag fotografierte ich einen älteren Mann, der im Hafenbecken angelte. Der deutsche Öko in mir fragte sich sofort, ob ein Fisch aus dem Hafen von Hong Kong einen nicht sofort vergiften muss. Aber was weiß ich schon…
Mit Marco ging es dann nach Stanley, das Kampen der Hongkonger. Hier ist der Ort für die Touris, die es gern schick, sauber und heil haben. Ein schöner Strand mit schönen Menschen und Yachten und irgendwo zwischen Strand und den am Hang liegenden Hochhäusern eine Gasse mit den passenden Läden dazu… alles an chinesischem Tant, billig und Teuer, was man sich vorstellen kann und weit darüber hinaus. Wieder so schön entspannt, wie gestern. Ich genieße es, vielleicht ist meine Abenteuerlust für dieses Mal einfach gestillt. Und natürlich ist der Muskelkater in den Beinen ohne Gleichen.
Abends war ich dann allein unterwegs auf der anderen Seite in Kowloon, wo sich über mehrere Straßen der Nightmarket erstreckt. Auch hier wie überall, viele Stände mit fast echten Designerklamotten und Uhren. Am skurilsten waren die Zelte mit den Wahrsagern und Omas, die Sexspielzeug verkauften – wirklich, es waren ausnamslos Großmütter. Ihr zahnloses Lächeln hinter Wäldern von Dildos, von nackten Glühbirnen beleuchtet rührte und amüsierte mich.
Vorher gab es noch am Hafen etwas zu sehen. Die allabendliche Lichtshow am anderen Ufer, also Hong Kong Island. Das schönste dabei waren die vielen Menschen, die sich mit mir versammelten. Gemeinsam genossen wir die Lichter an und auf den Häusern, die Laserstrahlen und die Nacht und ihre feuchte etwas abgekühlte Luft. Selbst als Hamburger imponierte mir die Größe dieses Lebens, aus dem alles entstehen könnte, das alles vermag. In dieser Nacht merkte ich, dass ich das vermissen würde. Ich lechze nach dieser Art Leben, weshalb ich es mir auch nicht vorstellen kann, zurück in meine Heimat zu ziehen.
Cheung Chau
In der letzten Nacht träumte ich von den sich ins Tal wälzenden Wolken und von Schritten auf Stufen, erleichtert und verwirrt von der Erleichterung. Marco hatte am Abend immer wieder mit dem Kopf geschüttelt, über den Wahnsinn, den ich mir “angetan” hatte.
Als ich am Morgen erwachte, meinte ich für einige Minuten, zu nichts fähig zu sein, was mit Gehen zu tun hat. Aber wir hatten etwas vor, was schlicht und entspannt war, was keine besonderen Wegstrecken erforderte.
Die Insel Cheung Chau ist, ähnlich wie Lamma, ein schöner Ort, Tourist zu sein. kleine Fischerboote in einer Bucht, Essen überall, Andenkenlädchen, wohin das Auge blickt, alte Hauser und Bäume, reges Treiben von entspannter Freundlichkeit. Ja, jeder Schritt tat weh. Aber ich passte mich an und Marco war sehr verständnisvoll ob meiner Sitzpausen…
So saßen wir am Strand, in Caffees, und auf Bänken. Wenn ich jetzt zurückdenke, war es wohl der schönste Tag: Ich lebte noch. Wie wohl alles in unserem Leben erhält jede Tatsache ihre Bedeutung durch den Kontrast. Vielleicht war es ein Gefühl von bestandener Aufnahmeprüfung, oder davon, tatsächlich mal ein Risiko eingegangen zu sein… und… es überlebt zu haben. Ich hatte mir etwas verdient, was mehr wert war, als mir irgendjemand hätte auszahlen können. Wenn wir heranwachsen, überschreiten wir täglich neue Grenzen, hinter denen Neues uns überrascht. Das Glück, wieder eine Grenze gefunden und überwunden zu haben, ist umso stärker, je mehr es vergessen war. In der unverbindlichen Leichtigkeit dieses Tages konnte sich dieses Gefühl in Ruhe breit machen und sich genießen lassen.





